PREISTRÄGER SEIT 1998

Seit 2004 erscheinen die Reden zur Preisverleihung, herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und der Stiftung Joseph Breitbach, in einer eigenen Reihe, die die Referentin der Klasse der Literatur, Petra Plättner, betreut. Die Broschüren sind zu erhalten
über Petra.Plaettner@adwmainz.de

Die Broschüren zur Preisverleihung werden gesponsert vom Kulturamt der Stadt Koblenz und der Sparkasse Koblenz.

Die „Laudationes und Reden der Preisträger anlässlich der Verleihung des Preises 1998 und 1999“ sind als Broschüre unter der gleichen Adresse zu erhalten.

2015 – Thomas Lehr

BEGRÜNDUNG DER JURY:

Die Stiftung Joseph Breitbach und die Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz verleihen den Joseph-Breitbach-Preis an den Essayisten und Literaturwissenschaftler Reiner Stach. Reiner Stach erhält den Joseph-Breitbach-Preis 2016 für sein herausragendes Gesamtwerk auf dem Feld der literarischen Biographie. Mit dem dreibändigen Opus magnum über Franz Kafkas Leben und Schreiben hat Stach neue Maßstäbe für das Genre gesetzt. Mit Takt, Lebensklugheit und Empathie nähert sich der Autor Kafkas komplexer Persönlichkeit; fern von jedem Voyeurismus und von jeglicher Mysti zierung leuchtet er die geheimsten Winkel von Kafkas Psyche aus, ohne dem Schriftsteller sein Geheimnis zu nehmen. Diese über 2000 Seiten umfassende Trilogie ist nicht nur akribisch recherchiert und kenntnisreich dokumentiert, sondern in ihrer Anschaulichkeit, atmosphärischen Dichte und psychologischen Subtilität selber ein großer literarischer Wurf; ein Werk, das das Zeitgeschehen – die Welt des deutschen Prager Judentums und den Anbruch der Moderne – ebenso wie die Personen in Kafkas Umfeld so lebendig vor Augen führt, als wären wir mittendrin.

Joseph-Breitbach-Preis 2015

Sigrid Löffler Laudatio. Gedanken-Experimente.
Thomas Lehr: Dankrede. Der Schmetterling der Zeit.
32 Seiten, 2 Abb., ISBN 978-3-9812182-9-9

2014 – Navid Kermani

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Die Jury begründet ihre Entscheidung vor allem auch mit dem Ausnahmerang des 2011 erschienenen Buchs: ‚Dein Name‘ – Romanchronik aus der Gegenwart und selbstbiographisches Epos in einem –, das in der lückenlosen Nachschrift der Schriftstellerexistenz über die fünf Jahre seiner Entstehung zugleich ein Weltpanorama entwirft. Hier findet ein schriftstellerisches Oeuvre seinen bisherigen Höhepunkt, das aus einer eindrucksvollen Reihe religionswissenschaftlicher Werke, herausragender Reportagen und Reisebücher, aber auch in sich vielgestaltiger Romanerzählungen besteht und in diesem Gipfelwerk sicher nicht seinen Abschluss finden wird.“

Joseph-Breitbach-Preis 2014

Andreas Platthaus: Laudatio. Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.
Navid Kermani: Dankrede. Jeder Mensch eine Menschheit.
32 Seiten, 1 Abb., ISBN 978−3−9812182−8−2

2013 – Jenny Erpenbeck

BEGRÜNDUNG DER JURY:

Jenny Erpenbeck ist die Epikerin des Augenblicks, in dem aus den Zufällen einer Vita Schicksal wird. In ihren Prosatexten – von der Geschichte vom alten Kind (1999) über die Novelle Wörterbuch (2005) bis zu den Romanen Heimsuchung (2007) und Aller Tage Abend (2012) – ergründet sie mit disziplinierter Empathie die Beschädigungen des Lebens in Konstellationen der Angst. Sie versieht Möglichkeitsformen des Überlebens, Versagens, Opferseins zwischen Krieg, Diktatur und den Ideologien des 20. Jahrhunderts mit Antlitz, Sprache, Biografien, Herzschlag. Ihre Bücher fragen nach Menschen, die nicht gefragt werden, ob sie Zeitzeugen sein wollen, die manchmal die Wahl haben zwischen Anstand und Anpassung, Widerstand und Verdrängung, kaum jemal s zwischen Leben und Tod. Die Jury zeichnet Jenny Erpenbeck aus für ein Werk, in dem sich künstlerische Wahrhaftigkeit mit hoher Formkunst, Sprachschönheit und einer Evokationskraft verbindet, die uns in jedem Augenblick zu Mitleidenden und Mitfühlenden macht.“

Joseph-Breitbach-Preis 2013

Andreas Platthaus: Laudatio. Und so weiter, bitte.
Jenny Erpenbeck: Dankrede. Was macht die Zeit mit dem Schreiben?
27 Seiten, 1 Abb., ISBN 987-3-9812182-7-5

2012 – Kurt Flasch

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Mit Kurt Flasch zeichnet die Jury einen großen Philosophen und Historikeraus und zugleich einen ,der urbansten Schriftstellerʻ (Gustav Seibt), derdie Literatur der Gegenwart durch seine Essays, Übersetzungen undErinnerungen bereichert hat. Seine Epochen-Darstellungen undMonographien machten, von Augustinus ausgehend, den Zusammenhangdes abendländischen Denkens, der intellectual history, seit der Spätantikesichtbar. Seine staunenswerte Gelehrsamkeit, sein glanzvoller Stil und seinkämpferischer Witz öffnen dem Leser den Blick für die Aktualität, aber auchfür das ganz Andere jener scheinbar überwundenen Fragestellungen undKontroversen. ,Philosophie hat Geschichteʻ – dieser Leitsatz machte Flasch zumErzähler, der Universitätsfehden in Paris so lebendig werden läßt wie Intrigenam päpstlichen Hof. Der Übersetzer von Augustins Bekenntnissen wandelte sich zum Novellisten,der Boccaccios Decamerone und die Epoche seiner Entstehung neu erfindet. Die eigene MainzerKindheit, im jähen Schrecken endend, und das vertrackte Weiterleben von Eva und Adam, vomverlorenen Paradies, wurden für sich geltende Meisterstücke der Gegenwartsliteratur, ehe Flaschjetzt mit der monumentalen Übersetzung von Dantes Comedia und ihrer Gesamtdeutung seinbisheriges Lebenswerk zusammenfaßte.“

Joseph-Breitbach-Preis 2012

Ralph Dutli:Himmlisches Schuhwerk und das Lächeln des Universumser Grimm.
Kurt Flasch: Dankrede. Am Rhein – Schneetreiben
26 Seiten, 10 Abb., ISBN 978-3-9812182-4-4

2011 – Hans Joachim Schädlich

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Hans Joachim Schädlich sucht die Deformation des Menschen durchrepressive und manipulative Verhältnisse dort auf, wo sie unverfälscht ansLicht kommt: in beschädigter Sprache. Jeder seiner Prosatexte ist ein Kosmoskunstvoll falsch gesetzter Töne, Stachel im trägen Fleisch sprachlicherÜbereinkünfte, und durchflackert von Ironien. Die große Kunst dieses Autorsbesteht darin, dass seine Texte nichts abbilden und nichts nachbilden, aberihr völliges Erfundensein direkt von den Vitalkräften des Lebens gespeistzu sein scheint. Seit Erscheinen seiner ersten Texte 1977 ist er modern, denwechselnden literarischen Moden allein durch Selbsttreue und Liebe zurWahrheit eine Reflexionslänge voraus. Seine Bücher, von Tallhover (1986) bis zuKokoschkins Reise (2010) besitzen die Kraft und unmittelbar evidente Gültigkeitder Parabel. Hans Joachim Schädlich ist der große Erzähler unter den Nichterzählern: ein Lakoniker ohne die sonst unvermeidliche Mitgift des Sentimentalen, der aus Sprödheit musikalische Funkenschlägt, mit höchster Künstlichkeit zu fiebernder Teilnahme nötigt, mit Sirenentönen zur Reflexionverlockt.“

Joseph-Breitbach-Preis 2011

Ruth Klüger: Aesop und die Brüder Grimm. Laudatio
Hans Joachim Schädlich: Großvater, erzähl uns etwas … Dankrede
32 Seiten, 4 Abb., ISBN 978-3-9812182-4-4

2010 – Michael Krüger

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Der Joseph-Breitbach-Preis 2010 wird an den Dichter, Essayisten undHerausgeber Michael Krüger verliehen. Der Lyriker hat in einer Reihe wichtigerGedichtbände auf die Entwicklung der Poesie Einfluß genommen und inimmer erneuerter Unmittelbarkeit gegenwärtige Erfahrung an die großenTraditionen des 20. Jahrhunderts angeschlossen. Der Erzähler hat in einerfür ihn charakteristischen, schwebendironischen Haltung scharf umrisseneAugenblicksbilder der Gesellschaft entworfen. Der Essayist und langjährigeHerausgeber der bedeutendsten deutschen Literaturzeitschrift hat dieeuropäische und anglo-amerikanische Avantgarde mit der deutschsprachigenverknüpft. Auf einzigartige Weise kann der Schriftsteller und Verleger MichaelKrüger als das ästhetisch-literarische Gewissen der Moderne gelten.“

Joseph-Breitbach-Preis 2010

Friedmar Apel: Die Artistik des Vogelfluges. Laudatio
Michael Krüger: Toblerone und das Jetzt. Dankrede
32 Seiten, eine Abb., ISBN 978-3-9812182-2-0

2009 – Ursula Krechel

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Ursula Krechel, die einmal Dichten als Denken mit anderen Mittelnbezeichnete, hat deutsche Befindlichkeiten und Deformationen in einemJahrhundert der Kriege und ideologischen Verwerfungen stets imUnbewussten, in Symbolhandlungen und Zwängen aufgesucht. Dass diepolitisch und ästhetisch hoch reflektierte Autorin tatsächlich jenen ,anderenMittelnʻ vertraute, also der Eigendynamik der Sprache und dem poetischenKlangsinn, lässt ihre lyrischen und erzählerischen Werke zu Abenteuern werden,die im Licht der Aufklärung beginnen und auf symbolischer, mitunter surrealerEbene die Verluste und Lebenslügen bilanzieren. In scharfsinnigen Essays, dieihr Schreiben begleiten, gibt sie nicht nur Rechenschaft über dieses, sondernzugleich eine zeitgenössische Schule der Poetik. Ihr jüngster Roman, der dieSchicksale deutscher Juden im Shanghaier Exil beschreibt, zeigt psychologische Tiefenschärfe,lyrische Evokationskraft, Recherche und erzählerisches Ingenium in einer Verbindung, wie sieinspirierter in der Gegenwartsliteratur nicht zu finden ist. Die gelehrte Dichterin hat in Shanghaifern von wo alle Register ihrer Kunst gezogen, für einen Roman des Exils, der künftig zu denbewegendsten Büchern deutscher Sprache gezählt werden dürfte, den notwendigen sowieso.“

Joseph-Breitbach-Preis 2009

Jochen Jung: Die Teilnehmerin. Laudatio
Ursula Krechel:Ohr und Hand ganz unverwandt.Dankrede
28 Seiten, 3 Abb., ISBN 978-3-9812182-1-3

2008 – Marcel Beyer

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Die Jury ehrt den Lyriker und Romancier Marcel Beyer für seine sprachlichversierte und psychologisch komplexe Auseinandersetzung mit denlangen Schatten der deutschen Vergangenheit. Er hat das Verhältnisvon Erinnerung und Erfindung, Verschweigen und Vergessen in immerneuen Versuchsanordnungen ästhetisch ausgelotet und die großeGeschichte im Spiegel individueller Schicksale reflektiert. Recherche,Analyse und Fiktion gehen in seinen Büchern eine subtil komponierte undatmosphärisch dichte Verbindung ein, wobei die literarische Rekonstruktionder Vergangenheit die Bedingungen des Erinnerns immer mitreflektiert.Beyers Romane sind poetische Resonanzräume für die Stimmen der Toten;imaginäre Raumerweiterungen, deren Präzision und Musikalität stets demKlangbewusstsein und der sprachlichen Ökonomie des Lyrikers geschuldet sind.“

Joseph-Breitbach-Preis 2008

Hubert Spiegel: Vom Vogel ohne besonderen Namen. Laudatio
Marcel Bayer: Im Kopf der Krähe. Dankrede
40 Seiten, 3 Abb., ISBN 978-3-9812182-0-6

2007 – F.C. Delius

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„F.C. Delius ist der poetische Chronist bundesdeutscher Zustände,Befindlichkeiten und Neurosen. Er macht das Gesellschaftliche im Privatendingfest, geleitet von unbestechlichem Erkenntnisinteresse und ohneHochmut. Radikal ist seine Einlassung auf die Einzelpsyche. Mit ihr gehteine leidenschaftliche Suche nach zwingender sprachlicher und formalerUmsetzung einher, die keinen Stillstand bei einmal gefundenen Haltungen undSprachmustern zulässt. In vierzig Jahren ist so der deutschen Literatur ein Werkder Aufklärung zugewachsen, das, stets politisch, allen Ideologien trotzendund niemandem gefällig, große Klangsinnlichkeit, Sprachschönheit und neueFormen des Epischen hervorgebracht hat. In der jüngsten Erzählung Bildnisder Mutter als junge Frau verschränken sich seine analytischen und lyrischenQualitäten zum komplexen Rhythmus eines großen Gesangs. Die Jury zeichnet Friedrich ChristianDelius aus für seine nuancierten Psychogramme deutscher Menschen, für die Furchtlosigkeit desGedankens, für die Musikalität und innovative Kraft seiner Prosa.“

Joseph-Breitbach-Preis 2007

Heinrich Detering: Ein freier Schriftsteller – Laudatio auf den 1. FC Delius
Marcel Bayer: Im Kopf der Krähe. Dankrede
40 Seiten, 3 Abb., ISBN 978-3-9812182-0-6

2006 – Wulf Kirsten

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Schon mit seinem ersten – 1970 erschienenen – Lyrikband Satzanfang hatWulf Kirsten sein Thema gefunden, das Feld, das er seither mit wachsenderMeisterschaft bestellt: die Landschaft seiner Heimat und ihre Geschichte.Die Erde bei Meißen heißt die Sammlung von Kirstens Gedichten, die 1986im Leipziger Reclam Verlag und ein Jahr später in der BundesrepublikDeutschland (bei Suhrkamp) herauskam. Auch die folgenden GedichtbändeStimmenschotter (1993) und Wettersturz (1999) und die Prosabände DieSchlacht bei Kesselsdorf (1984) und die Prinzessinnen im Krautgarten (2000)verdanken ihre Faszination der Legierung von Landschaft und Historie, die inden Boden eingerückt ist wie die Spur von Wagenrädern und Pflugscharen.Die Sprache des Dichters bricht sich an den Unebenheiten, Verwerfungen,Widerständen dieser Erdlebenbilder (so der Titel der vor zwei Jahren im Ammann/Verlagerschienenen Gedichte aus fünfzig Jahren 1954-2004); sie ist ganz dem sinnlich konkreten Detailverschrieben: ,auf wortwurzeln fasse ich fußʻ. Ihre stärkste Ausdruckskraft gewinnt diese Sprache da,wo das Ich die Enteignung seiner Heimat erfährt. Sie reicht vom Verlust der ländlichen Welt, die mitder Kindheit nicht nur für den Dichter unterging, bis zur heillosen Verwüstung der Natur durch einenmenschenverachtenden Fortschritt und macht Kirstens Lyrik zu einem ebenso unsentimentalen wiehinreißenden Nach-Ruf auf das in ihr überlebende Naturgedicht.“

Joseph-Breitbach-Preis 2006

Peter Hamm: Reich beschädigt oder Im Glorienschein der Armut. Laudatio
Wulf KirstenGeschichtsbefrachtete Wechselbäder. Dankrede
Wolf LepeniesDeutsch-französische Kulturkriege – Eine Erinnerung – Festrede
40 Seiten, 2 Abb., ISBN 978-3-9807335-7-1

2005 – Georges-Arthur Goldschmidt

BEGRÜNDUNG DER JURY:

Der in Paris lebende Schriftsteller, Essayist und Übersetzer Georges-ArthurGoldschmidt ist ein literarischer Grenzgänger, der das Leben und Schreiben inzwei Ländern und Sprachen in eine eigene poetische Landschaft verwandelthat. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste er Deutschland 1938verlassen; die Vertreibung aus der deutschen Sprache wurde zur Quelle einesbedeutenden Werkes, das die Schwellenerfahrung zum Ausgangspunktallen Sprechens macht. Goldschmidts Kindheitserinnerungen, die RomaneDie Absonderung und Die Aussetzung sowie seine Autobiographie Überdie Flüsse gehören mit ihrer subtil austarierten Spannung zwischen Intimitätund Sarkasmus zu den großen Selbstzeugnissen der Gegenwartsliteratur. Inseinen luziden Meditationen über den Ursprung der Sprache (Als Freud dasMeer sah) sowie seinen zahlreichen Essays und literarischen Übersetzungen hat sich Goldschmidtals erstrangiger Vermittler zwischen seiner französischen ,Lebensspracheʻ und seiner deutschen Muttersprache etabliert.“

Joseph-Breitbach-Preis 2005

Thomas Steinfeld:Der Einhandsegler und seine Liebe zum Schiffbruch. Laudatio
Georges-Arthur Goldschmidt:Das Meer der Sprache. Dankrede
28 Seiten, 5 Abb., ISBN 978-3-9807335-5-6

2004 – Raoul Schrott

BEGRÜNDUNG DER JURY:

Mit seiner Erfindung der Poesie (1997), einer Anthologie von Gedichten ausden ersten viertausend Jahren trat der Dreiunddreißigjährige als kongenialerVermittler sumerischer, griechischer, lateinischer, arabischer, hebräischer,provenzalischer, altirischer und frühitalienischer Lyrik hervor. Räumlich-zeitlicherKosmopolitismus prägt auch Schrotts Nachdichtungen des Gilgamesh-Epos und der Bakchen des Euripides sowie seine eigene Lyrik (Hotels, 1995;Tropen, 1998), in der das sogenannte lyrische Ich nicht als identitätsfixiertesSubjekt, sondern in vielerlei Masken auftritt: in der Rolle Dantes undPetrarcas, Masaccios und Michelangelos, Galileis und Einsteins. Das Spielmit verschiedenen Epochen und Protagonisten prägt die überaus kunstvolleKomposition des Romans Finis terrae (1995) und, zur Virtuosität gesteigert, des

Joseph-Breitbach-Preis 2004

Michael Krüger: Der unerwartete Rückzug des Geldes. Laudatio
Raoul Schrott:Die dritte Seite der Münze. Dankrede
32 Seiten, eine Abb., ISBN 978-3-9807335-3-X

2003 – Christoph Meckel, Herta Müller und Harald Weinrich

Christoph Meckel – 2003

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Christoph Meckels umfangreiches Werk ist von Anfang an geprägt vongraphischen und literarischen Arbeiten. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht,das nackte Menschsein und was darin fehltʻ. In nicht wenigen von MeckelsBüchern verschmelzen Poesie und Prosa, Erzählung und Essay, Biographie undFiktion. Auffällig die Fülle der Bilder, die Phantasie, die Märchen-Motive. Dazukommen politische Aspekte, etwa in den autobiographischen Annäherungen(Suchbildern) an den Vater und die Mutter. Durchweg kennzeichnend ist dasIneinander von Hoffnung und Verzweiflung, Pathos und Lakonie.“

Herta Müller – 2003

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Herta Müller hat den scharfen, das Unscheinbare und vorgeblich Harmlose derGegenwart zergliedernden Blick ihrer ersten, noch in Bukarest erschienenenProsastücke gegen alle Anfechtungen bis heute bewahrt. Das Trauma der altenDiktatur und die Skepsis gegenüber einer freien, in Wohlstand imprägniertenGesellschaft, der Überschwang der Erfindung und die aus dem Augenblickheraus wirkende, im Wortspiel und im lakonisch gedrängten Märchenbildaufblitzende Poesie wirken in ihrem letzten Roman, in ihren Erzählungen undEssays eng zusammen und geben den lyrischen Miniaturen ihrer Text-Bild-Collagen: Im Haarknoten wohnt eine Dame ihre schwebende Form. HertaMüller ist unverwechselbar, einzig in der deutschsprachigen Literatur.“

Harald Weinrich – 2003

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„1992 wurde der Romanist Harald Weinrich als erster Ausländer, als ersterDeutscher, ans Collège de France in Paris berufen. Die Auszeichnung ehrteeinen Schriftsteller, der als Linguist und Literaturkenner, als Essayist und alsÜbersetzer Jahrzehnte hindurch die französische und die deutsche Kultur alsgeschichtliche Einheit und als Zukunftsprogramm aufgefaßt und aufgebauthat: er arbeitete gleichzeitig an einer großen Textgrammatik der deutschenund der französischen Sprache. Früh hatte er in der Linguistik der Lüge dieSprachwissenschaft aus ihrer selbstgewählten Isolation befreit und seinerArgumentation die Eleganz französischer Geistigkeit verliehen. Seine Arbeitenzur Kunst und Kritik des Vergessens und zur Literatur der Heiterkeit nehmenspielerisch alle Farben der von ihm durchmessenen Landschaften auf.“

2002 – Elazar Benyoëtz, Erika Burkart und Robert Menasse

Elazar Benyoëtz – 2002

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Der seit 1939 in Jerusalem lebende Schriftsteller Elazar Benyoëtz ist bei unsbekannt geworden mit einer Reihe von Aphorismen-Sammlungen. Was seineSinn-Sprüche, Sentenzen, Maximen so anregend macht, ist sein Gespür für dieVieldeutigkeit von Worten und die Zusammenhänge, in denen sie stehen, fürverblüffende Unterscheidungen, Paradoxien, Zuspitzungen. Kennzeichnendist das Knappe, Gedrängte, Antithetische, Spielerische, Hellsichtige, Meditativeseiner Sätze. Es gelingt Benyoëtz, dem Aphorismus, der ja zunächst eine Formder Prosa ist, durch Einbildungskraft, Metaphorik, Stilwillen zugleich poetischenCharakter zu geben. Seine Bücher sind – in der Nachbarschaft zum Gedicht –außerordentliche Ideenparadiese.“

Erika Burkart †

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Die Lyrikerin Erika Burkart kann auf ein bedeutendes Gesamtwerk,mehrere Gedichtbände und einige vorwiegend autobiographische Romanezurückblicken. Das animistische Naturempfinden, das ihre frühen Texteauszeichnet, wandelt sich allmählich, evoziert Musik; ihr jüngster Gedichtbandträgt den Titel Langsamer Satz. Unverwechselbar ist die Handschrift, aberverdichteter, konkreter erscheinen der Garten, der vertraute Innenraum, dieMenschen. In ihren neuesten Gedichten erweist sich Erika Burkart als Meisterinder Wahrnehmung und als Dichterin einer Welt, die zu versinken droht undzugleich strahlend gegenwärtig ist.“

Robert Menasse – 2002

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Die Ehrung gilt dem Gesamtwerk Menasses, der frühen RomantrilogieSinnliche Gewißheit, Selige Zeiten, brüchige Welt und Schubumkehr ebensowie seinen kulturkritischen Aufsatzsammlungen, vor allem aber dem 2001erschienenen Roman Die Vertreibung aus der Hölle, in dem es dem Autorgelingt, auf einzigartige Weise den erzählerischen Umgang mit der Geschichteneu zu bestimmen. Von einem Geschichtsphilosophen, der zugleich einSprachmagier der Apokalypse ist, wird der Leser in immer neue Fallen gelockt,auf Weiterentwicklung des Geschehens verwiesen, die sich als Illusion erweist.Die Gegenwart wird zu einem Sammelplatz abgebrauchter Urteile und Utopie-Entwürfe, die Geschichte zu einer in Haß und Leidenschaft, in Hoffnung undAngst unbrauchbaren, leeren Gegenwart, die nur aus dem Abstand die düstereFarbigkeit von Rembrandts Nachtstücken gewinnen kann.“

2001 – Thomas Hürlimann, Ingo Schulze und Dieter Wellershof

Thomas Hürlimann – 2001

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Die Arbeiten des Erzählers und Dramatikers Thomas Hürlimann – sein erstesProsabuch Die Tessinerin erschien vor zwanzig Jahren – fielen von Anfangan durch ihre Sprachkraft auf, durch das Ineinander von produktiven undreflektierenden Impulsen. Sie sind geprägt sowohl durch den Ernst, mit demsie sich in existentiellen Grenzbereichen bewegen, als auch durch Witz, Komik,Satire. Sie überzeugen durch die Sicherheit, mit der sie jeweils die Formmeistern und die eigene Spur finden.“

Ingo Schulze – 2001

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Geschult an der Russischen Moderne … sowie an der nordamerikanischenErzählkunst … gelingt es Ingo Schulze meisterhaft, die großen und kleinenTragikomödien des Alltags zuzuspitzen und poetisch überzeugend darzustellen.Besonders beeindruckt Schulzes Vielfalt im künstlerischen Ausdruck:Bestechen in 33 Augenblicke des Glücks seine phantastisch-realistischen, teilsbarock-überbordenden Erzählungen, so herrscht in den wirklichkeitsgesättigtenSimplen Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz eine genau kalkulierteErzählökonomie vor.“

Dieter Wellershoff – 2001

BEGRÜNDUNG DER JURY:

Dieter Wellershoff – in erster Linie dem Erzähler und Essayisten – verdankenwir ein umfangreiches, bedeutendes Lebenswerk. Literatur ist für ihn vorallem ein Medium der Erkenntnis. Sie ist in der Lage, uns die Welt in ihrerursprünglichen Fremdheit und Dichte zu zeigen. Der Reichtum an Perspektivenin Wellershoffs Büchern – bis hin zu seinem vielbeachteten Roman DerLiebeswunsch – entspricht der Komplexität des Daseins, der Erfahrung, die inihnen sichtbar wird.“

Ilse Aichinger – 2000

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Am Beginn von Ilse Aichingers außerordentlichem Werk steht der RomanDie größere Hoffnung. Es folgten Erzählungen, Hörspiele, Dialoge, Gedichte,Aufzeichnungen – strenge, hellsichtige, unerhört konzentrierte, oft geisterhaftwirkende Arbeiten, die das Schweigen zugleich brechen und bewahren, dasscheinbar Bekannte wieder unbekannt werden lassen.“

W.G. Sebald †

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Mit W.G. Sebald wird ein Erzähler und Essayist ausgezeichnet, der in denletzten zehn Jahren drei große Prosabücher vorgelegt hat: Schwindel. Gefühle(1990), Die Ausgewanderten (1992) und Die Ringe des Saturn (1995). SebaldsWerke erschienen in vielen Übersetzungen, begründeten seinen Ruhm imAusland und lösten eine anhaltende Diskussion über die Nachkriegsliteraturaus. Für Susan Sontag ist er einer der eindrucksvollsten Vertreter derGegenwartsliteratur.“

Ilse Aichinger – 2000

BEGRÜNDUNG DER JURY:

Markus Werner gewinnt in subtiler Erzählkunst dem gewohnten Alltag Tiefeund Bedeutung ab, die er mit Eleganz, Leichtigkeit und Humor auslotet. SeineRomane, Geschichten zwischen Anpassung und Widerstand, fügen sich zumPorträt einer Generation.“

1999 – Reinhard Jirgl, Wolf Lepenies und Rainer Malkowski

Reinhard Jirgl – 1999

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Reinhard Jirgl hat Jahre des erzwungenen Schweigens genutzt, um inseinen Romanen und Erzählungen eine vorher nicht gekannte Intensität derDarstellung zu erreichen, für die der Schrecken des Erlebens und das Staunenvor dem Neuen gleiche Herausforderungen sind. Abschied von den Feindenund Hundsnächte erzählen die aufgewühlte Geschichtslosigkeit im Übergangder einen in die andere deutsche Gesellschaft. Ins Apokalyptische gesteigert,öffnet seine Prosa, in der sich die Literatur dem kollektiven Vergessen zuwidersetzen weiß, den Blick kritisch für neue Ufer. Seit Hans Henny Jahnn hatniemand ein so loderndes Vertrauen in die rettende Macht der Sprache und desGedankens wie dieser Autor.“

Wolf Lepenies – 1999

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Wolf Lepenies hat in der geschlossenen Reihe seiner Bücher über Melancholieund Gesellschaft, über das Ende der Naturgeschichte und zur Soziologieder Gesellschaft im 19. Jahrhundert einen durch die Zeitströmungen nicht zubeschädigenden Beitrag zum Selbstverständnis unserer Zivilisation gegeben. Inseinem Hauptwerk hat er im Streit um die beiden Kulturen durch sein Plädoyerfür die dritte, die zwischen Literatur und Wissenschaft stehende Soziologie,eine zwingende Lösung vorgeschlagen. Glänzend in der Argumentation, dieErkenntnis an Anschauung und Wort gebunden, haben seine Werke den Ranghoher Literatur. Er steht in der von ihm bewunderten Tradition der französischenMoralisten. Einem ihrer größten, dem Kritiker Sainte-Beuve, hat er seinschönstes und persönlichstes Buch gewidmet.“

Rainer Malkowski †

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Die zurückhaltenden, alles Plakative meidenden Gedichte Rainer Malkowskisüberzeugen unter anderem durch eine besondere Art von Genauigkeit.Sie zielen auf Erkenntnis durch Vergegenwärtigung von Augenblicken derWahrnehmung. Rhetorik ist ihnen fremd. In knapper Form sprechen sie vonkomplexen Zusammenhängen.“

1998 – Hans Boesch, Friedhelm Kemp und Brigitte Kronauer

Hans Boesch †

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Er hat in seinem gesamten Romanwerk den Dualismus zwischen gewachsenerNatur und planender Technik, zwischen Chaos und Ordnung gestaltet. DieLebensgeschichte seiner Romanfiguren stellt eine Besichtigung unseresJahrhunderts dar.“

Friedhelm Kemp †

BEGRÜNDUNG DER JURY:

Mittler zwischen der französischen und der deutschen Literatur nach demzweiten Weltkrieg, hat er als Essayist und Übersetzer maßgeblich dazubeigetragen, daß die deutsche Dichtung im europäischen Kontext sich neuorientieren konnte.“

Brigitte Kronauer – 1998

BEGRÜNDUNG DER JURY:

„Ihr Werk überzeugt in einer nicht nachlassenden Wahrnehmungsintensitätdurch die Verbindung von Realismus und Emphase, Gelassenheit, Kraft undSicherheit sowohl in der detaillierten Darstellung alltäglicher Dinge undVorgänge als auch in pathetischen Höhenlagen.“